
Kerzen gibt es jetzt keine mehr in ihrem Haushalt. Der Russ, der beim Verbrennen von Kerzen entsteht, reizt ihre Lungen schmerzlich, sie verspürt eine Art Brennen. Die Lungen von Anita Schulthess funktionierten zuweilen nur noch zu 20 Prozent. Sie leidet seit vier Jahren an der nicht heilbaren Krankheit COPD. Diese verengt langsam und fortschreitend die Atemwege. Anita Schulthess ist eine quirlige Frau mit vielen Talenten und Ideen. Sicher, alles könne sie nicht in die Tat umsetzen, und doch lautet ihre Devise: «Weiterleben wie bisher.» Schlicht und leicht tönt, was jahrelanges, mühsames Annehmen der Krankheit bedeutet.
Lange wollte Anita Schulthess nicht wahrhaben, dass sie ernsthaft krank war. Sie verdrängte den allmorgendlichen Husten. Zuweilen «gewöhnte» sie sich gar daran, bis sie jedoch an akuter Atemnot litt und sie Ihren Arzt konsultierte. Dieser verschrieb ihr Sauerstoff und eine Mitarbeiterin der Lungenliga richtete eine entsprechende Anlage ein, erklärte deren Handhabung und betreute Anita Schulthess. Die Beschwerden liessen jedoch nicht nach. Darum konsultierte sie einen Spezialisten. Resultat der Untersuchung: Der Sauerstoffgehalt in ihrem Blut war immer noch viel zu tief – Diagnose COPD.
Die ganze Tragweite der Krankheit offenbarte sich. «Ich konnte kaum mehr gehen, war schwach, atemlos. Meine Arbeitszeit musste ich von 100 auf 30 Prozent reduzieren. Das bedeutete, die Leitung der Informatikabteilung aufzugeben», berichtet Anita Schulthess. Die Entscheidung sei ihr schwer gefallen. Zusammen mit ihren Vorgesetzten fand die EDV Administratrice eine andere vielseitige, zeitlich frei einteilbare Arbeit, die sie mit viel Engagement ausübt. Dank der Therapie mit flüssigem Sauerstoff und dem grosszügigen Entgegenkommen ihrer Arbeitgeberin konnte sie wieder arbeiten. Vielen anderen COPD-Betroffenen bleibt in ähnlichen Situationen oft nur noch die Erwerbsaufgabe.
Im Wohnzimmer der Familie Schulthess steht seit zwei Jahren ein grosser Sauerstoffbehälter. Darin befindet sich der flüssige Sauerstoff, den die Patientin während der Therapie täglichzwischen 16 und 20 Stunden – je länger desto besser – einatmen muss. Ein langer, dünner Schlauch ermöglicht ihr, in alle Zimmer zu gelangen. «Grosi, das ist super, ich weiss immer,wo du bist», so lautet ein Ausspruch der Enkeltochter. Die 59-jährige Grossmutter ist dankbar für die hilfreiche Therapie, die es ihr ermöglicht, weiterhin einigermassen aktiv zu sein. «Mein Mann Kurt und ich gehen täglich spazieren. Da nehme ich meinen kleinen Tank mit», erklärt sie, aber weite Strecken lege sie nicht mehr zurück. Die Lungenliga betreut Anita Schulthess seit ein paar Jahren. «Ich bin froh, menschlich und fachlich so gut versorgt zu werden», sagt sie. «Sie unterstützt mich bei der Organisation des Sauerstoffs, kontrolliert in enger Zusammenarbeit mit dem Arzt bei mir zu Hause den Therapieverlaufund steht mir jederzeit als kompetenter Partner für alle Fragen in Zusammenhangmit der Therapie zur Verfügung. Überdies koordiniert sie die Patientinnen- und Patientengruppe ‹Luftschnapper›.»
Man gewöhne sich daran, eine Nasenbrille zu tragen, die ersten Gänge in die Öffentlichkeit seien aber schwierig gewesen. «Ich lernte, mich wichtiger zu nehmen als die Meinung der anderen und die Brille auch im Supermarkt zu tragen», erinnert sich Anita Schulthess schmunzelnd. Die Reaktionen seien durchwegs positiv. Es gebe immer wieder Kleine und Grosse, die Anteilnahme zeigen: «Echte Neugier ist gut, die Menschen sollen fragen.» Hingegen wurmt es Anita Schulthess, wenn ihr niemand freiwillig hilft, schwere Taschen ins Auto zu wuchten. Heute fragt sie ungeniert um Hilfe.
Vieles hat sich im Leben von Anita Schulthess verändert, geblieben ist ihre tiefe Liebe – zu ihrem Mann, ihren Enkelkindern, ihrer Familie, zum Leben. Es sei anspruchsvoll, mit ihrer Krankheit als Paar umzugehen. Dann etwa, wenn sie kochen will, in der Schlussphase ausser Atem gerät und ihr Mann meint: «Lass mich doch machen.» Dazu sagt sie: «Mein Mann soll keine Schuldgefühle haben, wenn ich für uns beide das Essen zubereite.» Einerseits wolle sie so selbstständig wie möglich bleiben, andererseits habe sie gelernt, Hilfe anzunehmen. Sie sei auch nicht immer in gleicher Verfassung. Da gebe es nur eines: reden, reden, reden. Es gelte beim gemeinsamen Lebenstanz einen neuen Rhythmus zu finden und sich in der Mitte zutreffen: zwischen nichts und allem wollen.

Im Mai 2005 unterzog sie sich einer Lungenvolumenreduktion, d.h., Teile der überblähten Lunge wurden entfernt. Vor der Operation habe sie viel ans Sterben gedacht. Nicht daran, was wohl mit ihr geschehen würde, sondern um ihren Mann sorgte sie sich. Sie hätten über den Tod gesprochen. Nüchtern in der Sache und zueinander ehrlich seien sie gewesen. «Ich war davon überzeugt, nicht nach Hause zurückzukehren», erinnert sich Anita Schulthess. «Ich schrieb Abschiedsbriefe und hielt meine Wünsche für die Bestattungfest.»
Der Eingriff verlief erfolgreich, das Zwerchfell (wichtigster Atemmuskel) hat nun wieder Platz zum Arbeiten. Die Patientin benötigt momentan weniger flüssigen Sauerstoff. Die Chancen stehen gut, dass dies während der nächsten paar Jahre so bleibt. Eine Lungenvolumenreduktion ist nicht bei allen Betroffenen möglich und erfolgt erst nach aufwendigen Abklärungen in einer spezialisierten Klinik.
Zusammen mit ihrem Mann besucht Anita Schulthess gerne kulturelle Anlässe, dies müsse sie jedes Mal akribisch planen. Damit sie abends atemmässig fit sei, müsse sie vorübergehend die Inhalationszeiten «steuern». Auf den letzten Drücker vor Ort eintreffen, das gehe nicht, sie brauche viel Zeit, um an ihren Platz zu gelangen, und müsse Stress vermeiden, erklärt sie. Allein schon gedanklicher Stress bewirkt Atemnot. Verzichten muss die geborene Gastgeberin auf grosse Einladungen. Sie war bekannt für ihre Festessen, für ihre wunderschön gedeckten Tische. «Statt einem Dutzend Gäste laden wir nur noch zwei ein. Es wäre sonst viel zu anstrengend für mich», bedauert Schulthess. Generell müsse sie viel mehr Zeit für eine Arbeit einplanen. «Husch, husch eine Winterlandschaft im Wohnzimmer hinzaubern, das geht nicht mehr», sagt die Hobby-Dekorateurin. Bereits im Spätsommer plant sie die Adventsdekoration, kauft das Nötige ein und beginnt mit der Arbeit. Zum Weihnachtsfest im nächsten Jahr wünscht sich Anita Schulthess, dass sie ihre Enkelkinder wiederum mit etwas ganz Speziellem überraschen kann.
Barbara Richiger,
Journalistin, Kaufdorf
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Jeden Dienstag 17-19 Uhr beantworten Ärztinnen und Ärzte Ihre Fragen zu Lunge und Atemwegen. Eine kostenlose Dienstleistung der Lungenliga.