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«Der kleine Sauerstoffbehälter ist mein Freund geworden»

Die Diagnose traf sie unerwartet: COPD – eine nicht heilbare chronische Lungen­krankheit. Evelyne Bieri* weilte zur Kur in der Höhenklinik Montana, als die Ärzte die massiv eingeschränkte Lungenfunktion feststellten. Die 75-Jährige braucht seitdem rund um die Uhr Sauerstoff.

Mit ruhiger Stimme erzählt Evelyne Bieri von ihrer Verblüffung, dem Schock, als sie erfuhr, ernsthaft krank zu sein. Die eben noch lebhaften Augen blicken wehmütig. Vor fünf Jahren erholte sich die Seniorin nicht mehr richtig von einer Grippe. Beim Wandern wurde sie schnell müde und kam ausser Atem. Ein Aufenthalt in der Höhenklinik sollte sie wieder gesunden lassen. Der begeisterten Wanderin gefiel der Aufenthalt in den Walliser Bergen, obwohl Ruhe verordnet war. In der letzten Aufenthaltswoche war es aber mit der Ruhe vorbei. Die Ärzte teilten ihr die Ergebnisse des Lungen­tests mit: «Ich müsse Sauerstoff haben – ständig. Meine Lungen funktionierten damals nur noch zu 50 %. Die Diagnose traf mich hart. In der Klinik konnte ich mir keine Vorstellung davon machen, wie das Leben zu Hause werden würde.

Neues Leben mit Sauerstoff

Sie erinnert sich genau an den Tag, als der Reser­vetank und der tragbare Sauerstoffbehälter bei ihr zu Hause installiert wurden. Ein Frühlingstag war es, draussen blühten Blumen und Bäume. Die Nasen­brille aufgesetzt, ging Evelyne Bieri hinaus auf den Balkon und redete sich gut zu: «Ich habe nun diese Krankheit und muss mich arrangieren.» Danach Rückzug ins Zimmer – «ich brauchte ein paar Minuten für mich allein» –, um Kopf und Bauch wieder ins Gleich­gewicht zu bringen. Der Mitarbeiter der Lungenliga erklärte ihr die Therapie und die Hand­habung des Sauerstoff-Flüssiggas-Systems sie fühlte sich von Anfang an gut betreut, «immer freundlich und aufmunternd». Nach ein paar Tagen konnte sie sich mit der Situation abfinden: «Ich war froh und dankbar, wieder frei atmen zu können und mehr Energie zu haben.

Die Anzeichen einer fortschreitenden Lungen­krankheit hatte Evelyne Bieri kaum wahr­ge­nommen: «In den Wintermonaten musste ich hie und da nach dem Aufstehen husten, aber krank war ich kaum einmal.» Die Tage waren ausgefüllt mit ehrenamtlicher Arbeit für eine wohltätige Organisation: Schaufenster deko­rie­ren, Hand­arbei­ten und Basteleien für den Bazar und Weih­nachts­markt herstellen, voller Hingabe den Enkeln das Basteln und Kochen beibringen. «Meine Hände waren immer beschäftigt – ich habe nun gelernt, sie im Schoss ruhen zu lassen.»

Fortschreitende Krankheit

Evelyne Bieris Zustand hat sich seit der Diagnose laufend verschlechtert. Erkäl­tungs­phasen mit Husten, Auswurf und erschwerter Atmung häuften sich (eine typische Folge­erscheinung bei COPD). Eine heftige Lungenentzündung im Oktober 2006 fügte den Lungen grossen Schaden zu. Heute funktionieren diese nur noch zu 38 %. Konnte sie anfänglich noch ohne Sauerstoff kochen und kleinere Besorgungen ausser Haus erle­di­gen, braucht sie heute rund um die Uhr Sauerstoff.

COPD ist eine nicht heilbare Krankheit und zerstört die Lungen schleichend. Auswurf und Husten am Morgen sind ein Zeichen dafür, dass die Flimmerhärchen der Atemwege be­schädigt sind und Schadstoffe und überschüssiger Schleim hängen bleiben. Diese Schädi­gung sowie die daraus entstehende chronische Bronchitis führt früher oder später zu einer COPD, «Chronic Obstructive Pulmonary Disease ». Häufig entsteht als Folge der vereng­ten Luftwege eine Überblähung der Lungen, ein sogenanntes Lungenemphysem, was die Sauerstoffaufnahme weiter erschwert und die körperliche Belastungsfähigkeit vermindert.

Seit der Diagnose hat Evelyne Bieri viele Hobbys aufgeben müssen, das Töpfern zum Beispiel oder das Wandern. Mit viel Ausdauer ritzt die begabte Bastlerin in stundenlanger Feinarbeit Ornamente auf Ostereier; diese meditative Arbeit pflegt sie weiter.

Eingeschränkte Bewegungsfreiheit …

Selbst das Spazieren in der näheren Umgebung setzte ihr am Anfang zu, nicht mehr aus Atemnot, sondern aus Scham. Die Nasenbrille sowie der tragbare Sauerstoffbehälter sind sichtbar: «Ich hatte Hemmungen, mich den Blicken der anderen auszusetzen», und auch ihr Mann fühlte sich unwohl. Es wäre ihr damals wie heute lieber, angesprochen statt angestarrt zu werden, doch das geschehe selten. Mittlerweile ist Evelyne Bieri selbst­sicherer geworden und geht mit ihrem «Bobby» wohin sie will: «Ja, jetzt kann ich darüber scherzen. Der kleine Sauerstoffbehälter ist mein Freund geworden, drum habe ich ihm auch einen Namen gegeben. Andere haben einen Hund und ich meinen Bobby an der «Leine».

Das Ehepaar war viele Jahre nach Italien und in die Berge gereist. Diese Leidenschaft liessen sie sich nicht nehmen, Krankheit hin oder her. Dank der Lungenliga können Bieris ihre Ferienwohnung in den Bergen mieten, denn statt nach Hause wird der Reservetank ein Mal pro Jahr an den Ferienort geliefert. Sie liebt den Blick aufs Wasser: «Ich mache meine Entspannungsübungen am See. Diese helfen mir körperlich und seelisch».

… und trotzdem in den Süden

Das Meer, Italien schienen plötzlich wieder in Reichweite, als die Seniorin von den Luft­hol­tagen der Lungenliga in Ligurien erfuhr. Allerdings war das Ehepaar skeptisch, ob die medizinische Versorgung und das Ambiente ihren Vorstellungen entsprechen würden. Nach einem Informationsgespräch mit einer Mitarbeiterin der lokalen Lungenliga ent­schlossen sie sich mitzufahren: «Jetzt haben wir uns bereits zum vierten Mal angemeldet! Bei der täglichen Atemtherapie macht auch mein Mann begeistert mit. Das Gefühl, unter Palmen spazieren zu gehen, die Meerluft zu atmen – schön.» Weiter berichtet sie von vergnüglichen Abenden und den interessanten Vorträgen. «Mein Mann und ich sprechen selten über meine Krankheit. Die Gespräche mit anderen Betroffenen tun uns beiden gut.»

«Jeden Dienstag treffen wir uns zum Frauenjass»

Freundschaften und Familienbeziehungen zu pflegen ist Evelyne Bieri wichtig. Sie freut sich auf ihren wöchentlichen Jass mit Freundinnen und ist dankbar für die kürzlich einge­richteten Sauerstoff-Tankstellen an Schweizer Bahnhöfen (siehe Kasten): «Jetzt können sich meine in Genf lebende Schwester und ich öfters sehen. Wir treffen uns meist in der Mitte, in Bern.» Es sei was ganz anderes, sich zu sehen, als sich nur am Telefon zu hören, betont Evelyne. Auch zu ihren Kindern und Enkeln hat sie ein inniges Verhältnis. «Die Familie ist froh, dass es mir mit der Sauerstofftherapie gut geht.»

Gedanken beim Zubettgehen

In schlechten Tagen, wenn die Nasenbrille abgelegt und das Nachthemd angezogen wird, atmet Evelyne Bieri schwer, jede Bewegung strengt an. Erschöpft legt sie sich ins Bett und denkt: «Irgendwann wird mir die letzte Stunde schlagen. Das Sterben ist vermehrt ins Bewusstsein gedrungen.» Darüber zu sprechen fällt der sensiblen Frau jedoch schwer. An ihren Lieblingsplätzen mobilisiert die Patientin innere Kräfte. Hin und wieder hadert sie mit dem Schicksal, fragt nach dem Warum. Lange währe das aber nicht, das Familienmotto laute: Vorwärts schauen und sich erfreuen an all dem Guten, das vorhanden ist.

 

Barbara Richiger,

Journalistin, Kaufdorf 

 

* Name von der Redaktion geändert

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In den Medien

medicaltalk 16.4.2012:

Raucherbronchitis geht nicht mehr weg!

 

Puls vom 5.12.2011:

Atmen wie durch einen Strohhalm

 

10vor10 vom 16.11.2011:

Wenn der Atem pfeift

 

Tele Top vom 10.3.2011:

"COPD - Raucherkrankheit
Nr. 1"

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