Bergtouren waren für René Kuster früher kein Problem. Heute ist er froh, dass er noch bei ausgedehnten Spaziergängen neue Energie und frische Luft tanken kann. Denn für alles andere ist seine Lunge zu schwach – René Kuster leidet an COPD.

Der jung gebliebene Pensionierte ist bekannt im Fitnesscenter. René Kuster absolviert dort jeweils zwei Mal pro Woche ein Ausdauer- und Krafttraining. Und wenn er nicht gerade seine Übungen macht, dann ist er oft im Wald oder am See anzutreffen. Die aktive Lebensweise ist für den 68-Jährigen eigentlich ganz logisch, denn als ehemaliger Maurerpolier und Hauswart war er immer viel draussen und in Bewegung.
Dass er sich aber heute noch so bewegen kann, ist nicht selbstverständlich: René Kuster leidet wie rund 400 000 Schweizerinnen und Schweizer an der chronisch obstruktiven Lungenkrankheit COPD (Chronic Obstructive Pulmonary Disease). Die anhaltende Entzündung seiner Atemwege führt dazu, dass die Bronchien immer mehr eingeengt und die Lungenbläschen zerstört werden, wodurch der Gasaustausch in der Lunge nicht mehr richtig funktioniert. Die Folge: Auswurf, Husten am Morgen, Atemnot. COPD ist nicht heilbar. Aber René Kuster kann sich glücklich schätzen: Solange er sich nicht zu stark anstrengt, kommt er heute ohne zusätzlichen Sauerstoff aus. Das war nicht immer so.

«Eigentlich musste ich wegen eines Gichtanfalls zum Arzt», erklärt René Kuster. Bei den Untersuchungen wurde zudem bestätigt, was ihm selbst seit Längerem aufgefallen war: Er bekam zu wenig Luft. Das war vor sieben Jahren und der Beginn seiner Sauerstofftherapie – aber erst der Anfang einer Leidensgeschichte. Es folgten zwei schwere Lungenentzündungen, bei denen er wegen Sauerstoffmangel notfallmässig ins Spital musste. Vorübergehende Linderung brachten die Rehabilitation sowie konsequentes Fitnesstraining, das er bis heute weiterführt. Die Behandlung mit Flüssigsauerstoff während mindestens 16 Stunden pro Tag mit einer Sauerstoffbrille gehörte ebenfalls dazu. «Das war schlimm für mich», erzählt René Kuster, «ich wollte kein Sklave des Sauerstoffs werden.» Die Therapie mit Flüssigsauerstoff bestand aus dem fixen Tank zu Hause sowie aus dem mobilen Tank für unterwegs. René Kuster sprach zwar auf die Massnahmen an, fühlte sich aber unwohl damit. Seine Frau Ruth meint rückblickend: «Aber viel wichtiger war, dass es ihm besser ging. Man muss sich mit der Krankheit auseinandersetzen, sonst geht es sowieso nicht.» Und das taten die Kusters tatsächlich. «Ich habe nie mit dem Schicksal gehadert und hatte auch keine psychischen Probleme wegen der Krankheit», sagt René Kuster. Er habe sich nach kurzen Tiefs immer gleich wieder aufgerappelt und sei die Sache angegangen, bestätigt seine Frau.

Nach einem kurzen Rückfall ging es aufwärts. René Kuster konnte auf die Sauerstoffheimtherapie mittels Konzentrator (der Sauerstoff wird aus der Umgebungsluft extrahiert) umstellen. Mit diesem System kommt René Kuster besser zurecht. Wenn er zu Hause ist und sich nicht zu sehr anstrengt, kann er heute weitgehend auf den Sauerstoff verzichten. Ausser in der Nacht und beim Training, dann setzt er die Sauerstoffbrille konsequent auf. Für Ausflüge und Spaziergänge zieht er den mobilen Konzentrator an wie einen Rucksack und montiert die Ersatzbatterie mit einem Gurt um den Bauch. «Das Gerät reicht problemlos für einige Stunden und ist angenehm zum Tragen», sagt er und führt die Geräte vor. Auch das Fitnesstraining gehört nach wie vor zum Programm und ist ein wichtiger Grund, dass es René Kuster heute besser geht. «Ich fühle mich nach jedem Training fit und es macht Spass, auch weil man in ein neues Umfeld kommt und andere Leute trifft», erklärt er.
Die Unterstützung der Lungenliga spielt eine wichtige Rolle in der Therapie. Zweimal jährlich sorgt eine Betreuerin für die Kontrolle und Wartung der Geräte. Zudem organisiert die Lungenliga halbjährliche Treffen für Betroffene in der Region und bietet für die Ferien Sauerstofftanks zum Mieten an. Besonders schätzen Ruth und René Kuster aber die Luftholtage der Lungenliga, an denen sie diesen Herbst zum fünften Mal teilnehmen. Dass er sehr gut mit seiner Krankheit umgeht, darin sind sich René Kuster und seine Frau einig. «Man muss schon sehen, dass er sich den Umständen entsprechend in einer guten Situation befindet», erwähnt Ruth Kuster. «Und wir hoffen natürlich, dass es auch so bleibt.
Schliesslich haben die beiden jetzt nach ihrer Pensionierung noch Grosses vor. Reisen nach Spanien und Frankreich oder eine Donau-Schifffahrt stehen beispielsweise auf dem Programm. «Klar kommt es immer auf die Tagesform an, aber alles in allem ist meine Lebensqualität heute sehr hoch», sagt René Kuster. Nur eines wünscht er sich ganz besonders: «Ich würde gern besser aufwärts gehen können, damit ich ab und zu wieder eine Bergtour machen kann», erklärt er. Denn zuoberst auf der Wunschliste steht, einmal im Leben noch im Saoseo See oberhalb des Valposchiavo die Füsse zu baden – auf 1800 Metern über Meer.
Valentina Röschli,
Journalistin, Zürich
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