
Andreas spricht offen über seine Krankheit, das ist für ihn kein Problem. Aber noch viel lieber spricht er über jene Dinge, die ihm wirklich wichtig sind im Leben. Zum Beispiel der Sport. Oder seine Leidenschaft für Computer. Oder seine Kollegen. Wenn er von diesen Dingen erzählt, dann kommt er so richtig in Fahrt, dann strahlen die Augen. Der 20-Jährige weiss, was er will. Und das war schon immer so. Auch, als es um eine Lungentransplantation ging.
Als Andreas sechs Monate alt war, diagnostizierten die Ärzte Cystische Fibrose. Lebenserwartung: 25 Jahre. Bei dieser Erbkrankheit sondern die Bronchien zähflüssigen Schleim ab, was die Lungen einem langen Zerstörungsprozess ausliefert. Die Sauerstoffaufnahme wird knapp, dann ungenügend und schliesslich mit dem Leben nicht mehr vereinbar. Bis Andreas zwölf war, hatte er drei- bis viermal pro Tag Klopftherapie: eine Therapieform, bei welcher der Therapeut durch Abklopfen des Oberkörpers versucht, den Schleim in der Lunge zu lösen. Hinzu kamen zweimal pro Woche Atemtechnik-Trainings in der Physiotherapie, die Einnahme zahlreicher Medikamente und regelmässige intravenöse Kuren im Spital. Trotz allem: Für die Familie stand die Krankheit nie im Mittelpunkt. Die Eltern gingen mit den drei Kindern Ski laufen und Fahrrad fahren. Andreas war immer dabei. «In der Schule versuchten die Lehrer manchmal, mich speziell zu behandeln, da habe ich mich gewehrt», sagt er. Mit 13 Jahren verschlechterte sich sein Zustand stark. Während zwei Jahren wurde das Sauerstoffgerät zu Andreas’ ständigem Begleiter. Die Lungenliga organisierte die regelmässige Lieferung des flüssigen Sauerstoffs und betreute ihn im Umgang mit dem Gerät. Als selbst der kurze Weg von der Haustür zum Auto mühsam wurde, konfrontierten ihn die Ärzte mit der Möglichkeit einer Lungentransplantation. Andreas traf die Entscheidung ganz allein: Er wollte die Transplantation so schnell wie möglich. «Die Risiken waren für mich nicht relevant, eine Operation war die einzige Alternative », erzählt er. Während einem halben Jahr bereiteten die Ärzte ihn auf die Transplantation vor. Abklärungen treffen, Risikofaktoren abwägen, psychologische Gespräche. Andreas kam auf die Warteliste für eine Spenderlunge.
Nach drei Monaten, in der Nacht auf den 28. September 2003, kam das Telefon.
Und kurz darauf die Rega. In 30 Minuten war Andreas von Frutigen in Zürich und
wurde noch in derselben Nacht operiert. Seine neue Lunge wurde durch seitliche Schnitte zwischen den Rippen in den Brustkorb eingepflanzt. Es müssen immer beide Lungen – die rechte und die linke – transplantiert werden. «Morgens um 8 Uhr erklärte mir der Arzt am Telefon bereits, dass die Operation gut verlaufen war», erinnert sich sein Vater, Reinhold Mägert. An die erste Woche im Spital hat Andreas aufgrund der starken Schmerzmittel kaum Erinnerungen. Nur an eins erinnert er sich ganz genau: seinen ersten tiefen Atemzug. «Zuerst dachte ich, ich hätte vergessen zu atmen», beschreibt er das Gefühl. Nach sechs Wochen durfte er nach Hause. Eltern und Geschwister spannten ihn wieder richtig ins Familienleben ein und bereits drei Wochen später stieg er wieder in den Schulalltag ein. Andreas’ Lunge ist heute voll leistungsfähig. Er kann wandern, Ski fahren und hat auch für die alltäglichen Dinge wie Treppensteigen und Essen wieder Kraft. Pro Tag nimmt er zwischen 25 und 30 für den Erhalt des Lungentransplantats unverzichtbare Tabletten zu sich. «Immunsuppressiva, Medikamente gegen Entzündungen und solche gegen die Nebenwirkungen der Nebenwirkungen», schmunzelt er. Doch seine Lebensqualität ist wieder zu 100 Prozent da. Im Verlaufe seiner Krankheit kam er immer wieder mit dem Thema Forschung in Berührung und lernte die verschiedenen Aspekte kennen. «Wenn es darum ging, in der Therapie etwas Neues auszuprobieren, habe ich immer mitgemacht, das war keine Frage», erklärt Andreas. Ihm ist bewusst, dass seine heutige Lebensqualität das Ergebnis jahrelanger und sorgfältiger Forschungsarbeit ist.
Andreas macht ein Praktikum als Informatiker und arbeitet 60 bis 80 Prozent. Der Weg dahin war nicht einfach: Bevor er das Praktikum begann, machte er eine Weiterbildung bei der IV, wobei er sich allerdings unterfordert fühlte. «Ich wollte ohne fremde Hilfe in einem normalen Betrieb mit IT-Spezialisten zusammenarbeiten. Dazu musste ich aber zuerst meine Selbstständigkeit beweisen», erklärt er. Mit einem guten Abschluss der Modulprüfungen erarbeitete er sich die Grundlage für ein Praktikum als PC-Supporter in Bern. Selbstständigkeit hat in seinem Leben einen hohen Stellenwert. «Mich hat die Krankheit zwar getroffen, das ist aber kein Hindernis. Andere Dinge sind wichtiger», ist Andreas überzeugt. Zum Beispiel der Sport. Vielleicht ist es nicht ganz Zufall, dass es ihm vor allem die Trendsportart Airboarden angetan hat. «Airboarden ist ziemlich neu, man kann auf einem Luftkissen die Pisten hinunterflitzen, das macht Spass», erzählt er. Die Leidenschaft ist nicht zu übersehen. Andreas’ Reise geht weiter. Mit wertvollen Erfahrungen im Gepäck: einer Transplantation, die ihn gesund, und Erlebnissen, die ihn stark gemacht haben.
Valentina Röschli, Journalistin, Zürich
Warten auf das zweite Leben
DOK-Sendung über Lungen-transplantation bei CF (7.4.2011 auf SF1)
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Jeden Dienstag 17-19 Uhr beantworten Ärztinnen und Ärzte Ihre Fragen zu Lunge und Atemwegen. Eine kostenlose Dienstleistung der Lungenliga.