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Glücklich auf dünnem Eis – Leben mit der Diagnose Lungenkrebs

Marianne Gilgen wollte sich mit der harten Prognose nach der Lungenkrebs- Diagnose nicht abfinden. Bewährte und neue Kraftquellen helfen ihr, die Heilung zu fördern. Sie braucht mehr Zeit für sich, doch ihr Leben ist eigentlich «normal».

Als Marianne Gilgen sich im Juli 2007 entschloss, zum Arzt zu gehen, war sie 61, arbeitete in ihrem Beruf als Apothekerin, spielte Geige, kümmerte sich um ihre Familie. In letzter Zeit musste sie manchmal husten und verspürte einen Druck in der Brust, den sie mit einem tiefen Atemzug auflösen konnte. Der Arzt diagnostizierte einen Tumor im linken oberen Lungenlappen mit Ablegern in den Lymphknoten. «Zuerst wollte ich es nicht wahrhaben. Ich hatte doch selbst nie geraucht», erzählt sie. Ihr Mann reagierte mit dem Ausspruch «Venceremos!»1 und unterstützt sie seither grossartig.

«Wir informierten uns über die Krankheit und über Therapiemöglichkeiten: Was erwartet mich? Was kann ich noch tun? Familie und Freunde unterstützten mich intensiv. » Geistig und körperlich bereitete sich Marianne Gilgen auf die Therapien vor. Sie ging täglich lange spazieren, nahm Vitamine und Mineralstoffe, um das Immunsystem fit zu machen. Sie liess sich ihre langen Haare abschneiden, damit ihr Umfeld sich an ihr künftiges Aussehen mit Kurzhaarperücke gewöhnen konnte. Als die Haare während der Chemotherapie ausfielen, begegnete sie ihrem «wahren Gesicht» mit Neugier: «So sehe ich also ‹wirklich› aus.» Nach der Operation begann sie mit einer Misteltherapie, anderen anthroposophischen Therapien sowie einer Atemtherapie. «Therapien, Gespräche, die Natur und auch der Glaube, dass alles, was mir geschieht, einen Sinn hat, haben mir Kraft gegeben», sagt sie rückblickend.

Acht Monate nach der Diagnose galt Marianne Gilgen als gesund. Die Erleichterung hielt nicht lange an: Im August 2008 entdeckte der Arzt Metastasen. «Trotzdem habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich sah und sehe mich nicht als kranken Menschen, sondern als Menschen auf dem Weg zum Heil. Mit Erfolg bekämpfe ich den Krebs auf drei Ebenen: Schulmedizin, Biochemie, anthroposophische Medizin. Der Onkologe hat mir ein Zytostatikum 2 verschrieben, ich halte unter strenger Kontrolle eine quasi kohlenhydratfreie Diät, um den entgleisten Stoffwechsel der Krebszellen zu korrigieren, und ich unterziehe mich weiterhin einer Misteltherapie. Alle beteiligten Ärzte und Therapeuten wissen voneinander.»

Marianne Gilgen braucht heute mehr Zeit für sich; ihr Leben verläuft gemächlich, doch weitgehend normal: Sie reist, freut sich an ihrer Familie, ihren Enkeln, wandert, geniesst Konzerte, spielt Geige und tritt im Orchester auf. «Wissenschaft und Spiritualität – das ist mein Weg durch diese Krankheit. Wichtig ist, dass man sich nicht als Opfer fühlt. Das eigene Engagement stärkt ungemein. Ich weiss, dass ich quasi auf dünnem Eis lebe. Dass es mir dabei so gut geht, erfüllt mich mit grosser Dankbarkeit.»

 

Roswitha Menke,

Texterin, Bern

 

1 Venceremos = «Wir werden siegen»

2 Zytostatikum: Natürliche oder synthetische Substanz, die das Zellwachstum beziehungsweise die Zellteilung hemmt. Diese Substanzen werden zur Behandlung von Krebs eingesetzt, um das Tumorwachstum zu stoppen.

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