Mit der operativen Entfernung der rechten Lunge (Pneumektomie) wurde Martin Meyer auch ein Teil der Lebensqualität weggenommen. Das ist für ihn aber noch lange kein Grund, sich zurückzuziehen. Und schon gar nicht, den Humor zu verlieren.

Es gibt nicht viele Leute, die ein Musikinstrument selber erfunden haben. Martin Meyer ist einer von ihnen. Als er vor ein paar Jahren den Deckel seines Blindenstocks verlor, entdeckte er, dass sich mit dem Stock Töne erzeugen lassen. Kurzerhand erfand er die Panalotosflöte – eine Mischung aus einer Pan- und einer Lotosflöte. Das war der Anfang einer grossen Leidenschaft. Martin Meyer ist seit seiner Geburt blind – Licht und Farben gehören nicht zu seinem unmittelbaren Erleben, die Musik aber erlaubt ihm, sich in den hellsten Farben auszudrücken.
Seit Anfang Jahr hat Martin Meyer noch ein weiteres Handicap: Im Januar 2009 wurde ihm die rechte Lunge entfernt. Alles begann vor fünf Jahren mit einem Dickdarmtumor, der erfolgreich herausoperiert wurde. Rund zwei Jahre nach dem Eingriff stellte sich aber heraus, dass dieser Primärtumor im Dickdarm Tochtergeschwülste (Metastasen) in der Lunge gebildet hatte. Schleimauswurf beim Husten sowie Geräusche beim Atmen waren die ersten Anzeichen dafür gewesen. Da Martin Meyer eine weitere Operation vermeiden wollte, wurde er zu Beginn mit einer Chemotherapie behandelt. Die Therapie zeigte zwar Erfolg, eine Operation blieb aber trotzdem die zuverlässigste Variante, den Tumor zu bekämpfen. Um auf Nummer sicher zu gehen, entschied er sich schliesslich dafür. Am 14. Januar 2009 war es dann so weit: Die gesamte rechte Lunge wurde ihm entfernt. Und damit auch ein Teil seiner Lebensqualität.

Seit dem Eingriff hat sich vieles verändert. Zwar ging die Operation einwandfrei über die Bühne und Martin Meyer lebt heute frei von Beschwerden und Medikamenten. Das Problem liegt woanders. «Es war mehr als ein organischer Eingriff. Wenn einem die halbe Lunge herausgenommen wird, ist man danach ein anderer Mensch», erklärt er. Mit dem Eingriff ging für ihn mehr als ein Teil seines Körpers verloren. Wandern, Tandemfahren, Singen und Flöte Spielen sind heute nicht mehr so einfach. «Ich habe viel von meiner Energie und Unternehmungslust eingebüsst, denn mit zwei Behinderungen ist man mehr als doppelt eingeschränkt», sagt er.
Dass sich Martin Meyer an die Lungenliga wendete, hat einen ganz bestimmten Grund: Er möchte eine Erfahrungsaustauschgruppe mit anderen Betroffenen gründen. «Mir ist bewusst, dass ich damit eine sehr heterogene Gruppe anspreche», erklärt er. Wie, wo und in welcher Form der Austausch stattfinden soll, will er gemeinsam mit den Interessierten bestimmen. Regelmässige Treffen, gemeinsame Ausflüge oder ein Internetforum – alles ist denkbar. «Mir geht es darum, in einer lockeren, unkomplizierten Form eine gemeinsame Basis zu schaffen, Gespräche zu führen sowie Tipps und Hilfsmittel auszutauschen », sagt er.
«Mein Tagesablauf ist heute nicht mehr so vielfältig wie früher», erzählt Martin Meyer. Dafür nutzt er jetzt sein Erstklass- Generalabonnement noch häufiger, zum Beispiel um seine beiden Enkelkinder zu besuchen, und er möchte sich noch intensiver der Musik und den Flötenauftritten widmen. Auch Klaviere stimmt er immer noch gelegentlich in der ganzen Schweiz. Nur seinen ausgedehnten Velo- und Bergtouren trauert er ein bisschen nach. «Der Eingriff hat mir bewusst gemacht, dass ich mit 63 Jahren langsam zurückschrauben muss», stellt Martin Meyer fest. «Aber ich sage immer: Auch wenn es bergab geht, bekommt man Schwung.»
Valentina Röschli,
Journalistin, Zürich
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