Als Spätfolge einer Krebserkrankung und deren Behandlung braucht Sylvia Friederich heute Flüssigsauerstoff zum Leben. Ein Leben, das sie mit einer Sauerstoff-Nasenbrille aber kaum ertragen konnte. Hartnäckig hat sie eine andere Lösung gesucht – und gefunden.

Als junge Frau musste Sylvia Friederich eine Krebserkrankung mit intensiver Strahlentherapie behandeln lassen. Viele Jahre später war ihre Lungenkapazität durch diese Behandlung so stark eingeschränkt, dass sie ohne Flüssigsauerstoff nicht mehr leben konnte. Für die Lehrerin war dies ein Schock. Sie musste ihren geliebten Beruf aufgeben und hatte fortan einen extrem eingeschränkten Bewegungsradius.
Im Treppenhaus ihres Hauses, auf dem Zwischenstock, steht heute der 44-Liter- Tank mit Flüssigsauerstoff, an dem zwei Schläuche angeschlossen sind. Über ein Ventil am Tank kann sie zwischen den zwei Schläuchen umstellen und sich so rascher auf den zwei Stockwerken bewegen. «Zuerst war ich sehr traurig und frustriert, manchmal auch wütend», erinnert sie sich. «Ich kam mit der Situation nicht zurecht und fühlte, wie mich die Menschen auf der Strasse anstarrten und tuschelten. » Zudem war die Nasenbrille unbequem und tat ihr oft hinter den Ohren weh. Für Sylvia Friederich war klar: Es musste eine andere Lösung geben.

Im Internet stiess sie auf ein System aus den USA, bei dem der Sauerstoffschlauch direkt in einer Brillenfassung integriert ist. Zwei kleine Schläuche führen dezent in die Nasenlöcher. «Leider war die Brille nicht optimal. Das Material oxidierte, sie war schwer und passte überhaupt nicht zu meinem Gesicht», erzählt Sylvia Friederich.
Hilfe fand sie schliesslich über ihren Optiker beim Brillendesigner Marcus Marienfeld in Brig-Glis. Er entwickelte die Sauerstoffbrille weiter, bis sie allen Anforderungen standhielt. Für Sylvia Friederich war diese Brille ein Geschenk für ihr neues Leben. «Ich bekam einen richtigen Energiekick », strahlt sie. Sie wollte sich nicht mehr verstecken, im Gegenteil: «Jetzt fahre ich wieder regelmässig mit meinem Elektrovelo, kaufe auf dem Markt ein oder besuche mit meinem Mann Opern und Theater oder auch mal ein klassischesKonzert», beschreibt sie ihre wiedergewonnene Lebenslust. Sie geht gern unter Menschen und reist wieder mit dem Zug. Natürlich muss sie jede Reise genau planen, denn ihren Sauerstoff muss sie immer mittragen. Dazu hat sie zwei mobile Tanks dabei. Der kleine reicht für etwa 2,5 Stunden, der grosse für 6,5 Stunden.

Wenn Sylvia Friederich länger unterwegs ist, nützt sie die Sauerstoff-Tankstellen der Lungenliga. «Die sind supergut, ich benütze sie manchmal mehrmals die Woche », sagt die aktive Frau. Das Auftanken ist unkompliziert, die Mitarbeitenden sind freundlich und hilfsbereit. «Es dürfte noch mehr Tankstellen geben», fügt sie an, «denn sie ermöglichen Sauerstoffpatienten einfach mehr Mobilität.» Trotz der Einschränkungen, welche die Flüssigsauerstoff- Therapie mit sich bringt, ist Sylvia Friederich dankbar.
Dankbar, jeden Tag aufzustehen und ein Leben zu haben, das lebenswert ist. «Ich habe so viele liebe Menschen um mich, die mir helfen und mich tragen. Und das gibt mir wahnsinnig viel Kraft.» Hektik hat in Sylvia Friederichs Alltag keinen Platz mehr. Dafür lebt sie bewusster und geniesst die Dinge, die sie machen kann. Zum Beispiel Sport: Zweibis dreimal pro Woche trainiert sie Kraft und Ausdauer und geht in die Physiotherapie. «Auch wenn es mühsam ist und manchmal wehtut, aber durch das Training steigert sich die Lebensqualität enorm», erklärt sie überzeugt.
Karina Turek,
Journalistin, Bern
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