
Tuberkulose oder kurz TB – diese Diagnose vergisst Nathalie* nie. Vor sieben Monaten ist die Studentin aus Indien zurückgekehrt. Wochen danach klagt die 25-Jährige über Husten und leichtes Fieber. «Eine Grippe ist wieder im Anmarsch », denkt sie sich. Ebenso ihr Hausarzt. Schliesslich nahm seine Patientin eine Grippe mit auf ihre Reise durch Indien. Die Medikamente schlagen allerdings nicht an.
Nathalie hat kaum Appetit. Schnell purzeln die Kilos, die Freude darüber verfliegt rasch. Und diese Müdigkeit … Ausgelaugt schleppt sie sich an die Uni und in die Bar, in der sie serviert. Der Husten wird stärker. Wieder beim Hausarzt, röntgt dieser die Lungen. Aufgrund der Bilder weist er Nathalie sofort ins Spital ein.
Dort – nach weiteren medizinischen Abklärungen – die Gewissheit: Nathalie ist an Lungentuberkulose erkrankt und die Krankheit ist so weit fortgeschritten, dass sie ansteckend ist. Nathalie wird im Spital isoliert, da TB über die Atemwege übertragbar ist. Daher gilt auch Meldepflicht. Die Isolation dauert so lange, bis im Auswurf keine lebenden Bakterien mehr nachweisbar sind. Eine harte Zeit. Wie eine Aussätzige fühlt sich Nathalie. Besucher tragen Schutzmasken.
Ihr Selbstwertgefühl ist am Boden. Immer wieder quälen sie die Fragen: «Wie reagiert mein Umfeld?» und «Habe ich jemanden angesteckt?» Letzteres klärt die Lungenliga im Auftrag des Kantons mit einer Umgebungsuntersuchung ab. Nathalie gibt dazu Personen an, mit denen sie seit Auftreten der ersten Symptome engeren Kontakt hatte und die möglicherweise infiziert wurden (sogenannte Kontaktpersonen).
Viel Erfahrung mit Umgebungsuntersuchungen hat Christa Butz von der TB-Fachstelle Bern: «Wichtiger Teil unserer Arbeit ist die Aufklärung.» Tuberkulose gelte fälschlicherweise als «Krankheit der Armen» oder etwas, was von mangelnder Hygiene herrühre. «Aufgrund solcher Vorurteile haben Erkrankte aus Scham Mühe, lückenlos ihre Kontaktpersonen zu nennen.»
Diese Mitarbeit ist aber zentral. Denn: Ein intaktes Immunsystem kann zwar die TB-Bakterien so in Schach halten, dass die Krankheit nicht gleich oder nie ausbricht, was in neun von zehn Fällen zutrifft. Heimtückisch ist aber: Jahrzehnte nach einer Ansteckung kann TB noch ausbrechen. Heutige Erkrankungen älterer Menschen in der Schweiz können eine Hypothek aus der Jugend sein.
Auf Unverständnis und Schuldzuweisungen stossen laut Christa Butz Erkrankte oft in ihrem Umfeld. Dieses reagiere bisweilen fast hektisch: «Manche rennen sofort zum nächsten Arzt. Selbst dann noch, wenn wir erklärt haben, dass eine Infektion erst nach sechs bis acht Wochen nachweisbar ist.» Erst dann mache ein Tuberkulinhauttest nach Mantoux (THT) Sinn. Ist dieser positiv, kann ein Bluttest durchgeführt werden, um einen falsch-positiven THT auszuschliessen.
Bei Kleinkindern und Kindern bis fünf Jahre hingegen werde sofort mit der präventiven Behandlung begonnen. Eine andere Erfahrung, die Butz im Umfeld erkrankter Personen macht: «Manche können nicht verstehen, dass sie nicht getestet werden müssen.» Schwierig sei oft, verständlich zu machen, dass das Ansteckungsrisiko unter anderem in engem Zusammenhang zur Kontaktnähe und -dauer stehe. «Entsprechend der Lebenssituation und dem beruflichen Umfeld eines Erkrankten kann der zu untersuchende Personenkreis klein oder gross sein.» Kürzlich hatte die Fachfrau einen Fall mit nur einer Kontaktperson, in einem anderen Fall mussten über 180 Personen getestet werden.

Die Lungenliga ihrer Region ist auch Nathalie eine grosse Hilfe. Vor zwei Monaten ist sie nach dreiwöchiger Isolation aus dem Spital entlassen worden. Und angesteckt hat die Studentin offenbar niemanden. Gut verkraftet sie mittlerweile den Medikamenten-Cocktail. Sie fühlt sich fit und die Versuchung ist gross, die verschiedenen Antibiotika frühzeitig abzusetzen. Diese muss Nathalie aber noch weitere drei Monate – insgesamt rund ein halbes Jahr – täglich einnehmen. Sonst kann sich die Krankheit erneut entwickeln, wobei gewisse Medikamente nicht mehr wirken könnten. Nathalie kann der Krankheit gar Positives abgewinnen. Sie weiss nun, auf wen sie zählen kann. Trotzdem: Auch knapp drei Monate nach der Diagnose will sie anonym bleiben.
*Name der Patientin geändert.
Ja, ich helfe Menschen mit Tuberkulose
Jeden Dienstag 17-19 Uhr beantworten Ärztinnen und Ärzte Ihre Fragen zu Lunge und Atemwegen. Eine kostenlose Dienstleistung der Lungenliga.