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Antrieb: Freiheit, Treibstoff: Hafer

Trotz schweren Lungenkrankheiten unternimmt Annamarie Montag wochenlange Velotouren im hohen Norden. Ihre Empfehlung: mehr zupacken, weniger lamentieren. Das Kursangebot der Lungenliga biete Chancen, so sagt sie, die vermehrt genutzt werden sollten.

Foto Annamarie Montag

Würde man über Annamarie Montag ­schreiben, sie lasse sich nicht unterkriegen, so wäre das rundweg untertrieben. Die bald 70-Jährige leidet unter einer Blutgerinnungsstörung, die Lungenembolien begünstigt, zudem hat sie Asthma und COPD. Dazu kommen ­weitere Leiden. Das Erstaunliche dabei: Sie verliert nie ein Wort der Klage über ihre Gesundheit. Stets gelingt es ihr, sich selbst zum Weiter­machen zu motivieren. Und ihre Mitmenschen dazu.

 

Ihre Hartnäckigkeit musste sie schon bei der Diagnose ihrer Lungenkrankheiten unter Beweis stellen: Fünf Jahre lang kämpfte sie um eine angemessene Behandlungsform. Ihre im Alter von 50 Jahren auftretenden Atemschwierigkeiten wurden zunächst nur dem Asthma zugeschrieben. Da sie bereits mit 40 das Rauchen aufgegeben hatte, kamen die Ärzte nicht auf den Verdacht COPD, und auch die Neigung zu Embolien blieb unentdeckt. So wurde Annamarie Montag einst nach einem Schwächeanfall aus dem Spital entlassen. Zu Hause mass sie einen Puls von 220. Die beherzte Intervention einer befreundeten Pflegefachfrau rettete ihr das Leben.

 

Tiefenatmung auf dem Sattel

Wieder auf den Beinen, arbeitete sie hart daran, ihre körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern. Auch über kleine Erfolge freute sie sich riesig. Viel geholfen haben ihr die Kurse der Lungenliga: Keine Angst vor Atemnot und Respirare. «In Kürze habe ich gelernt, mich mental herunterzubringen und meinen Atem zu beruhigen», erzählt sie. Dank dem so gewonnenen Vertrauen kann sie sich viel freier bewegen. Auch wenn sie sich auf ihren Reisen weitab jeglicher medizinischen Versorgung befindet, verspürt sie keine Angst. Angesichts der Vorzüge ist sie erstaunt, wie wenige COPD-Betroffene die Angebote ­nutzen: «Das ist eine verpasste Chance.»

 

Geholfen hat ihr auch ihre Leidenschaft fürs Velofahren. Während sie sich beim Gehen konzentrieren muss, um tief zu atmen, gelingt ihr das auf dem Sattel wie von selbst. Jeden Sommer verreist sie in den Norden, nach Norwegen oder Island. Allein. Mit Zelt. Mit 30 Kilogramm Gepäck, davon 2,5 Kilogramm Medikamente. Alles verstaut in fünf Velo­taschen auf dem Papalagi, dem Maultier unter den Stahlrössern. Der Hafermotor ist sie selbst: Die Getreideflocken sind das Hauptnahrungsmittel auf den Touren der Vegetarierin.

 

So ist sie wochenlang unterwegs in der Abgeschiedenheit, ganz im eigenen Tempo. Angetrieben vom Durst nach Freiheit, der Liebe zur Natur, der Faszination für die Kargheit der Landschaft. «Ich bin allein, aber nie einsam. Ich fühle mich stets aufge­hoben», berichtet sie. Das gilt auch dann, wenn es unheimlich wird. Wenn etwa bösartige Geisterwesen sie einen Wasserfall hinunterdrängen wollen. Dann gibt sie jeweils deutlich zu verstehen: «Nicht mit mir!»

Foto Annamarie Montag in Island

Nachtzug statt Flugzeug

Auch wenn Annamarie Montag nicht gern im Rudel unterwegs ist, ein einsamer Wolf ist sie auch nicht. Die muntere, erzählfreudige, humorvolle Frau schätzt den Kontakt zu Einheimischen und anderen Velotouristen. Und klopft auch gern mal einen Spruch mit einem isländischen Busfahrer. «Sie betrachten uns als liebenswerte Verrückte», lacht sie.

 

Ganz schön hartnäckig kann sie auch sein, wenn es um die Umwelt geht. Bis jetzt war sie mit Eisenbahn und Schiff unterwegs. Denn fliegen möchte sie nicht. Seit nun die Deutsche Bahn die Nachtzüge ab Basel abschaffen will, ist Annamarie Montag in Aufruhr. Sie lässt alle ihre Beziehungen spielen und hofft auf eine befriedigende Lösung.

 

Ihre Kraft findet sie in ihren Trainingserfolgen, in den Begegnungen mit naturverbundenen Menschen und ihrer Freiheitsliebe. «Ich will mein Leben leben. Mit Rücksicht auf meine Krankheiten, aber ohne mich von ihnen bestimmen zu lassen.» Nur einmal musste sie aufgeben: Als sie wegen ihres Augenleidens kaum die Strasse erkennen konnte und sie dreimal vom Velo gestürzt war, wurde es auch ihr zu viel. In allen anderen Lebenslagen siegt ihr Durchhaltewille.

 

Weitere Fallbeispiele finden Sie in unseren Jahresberichten.