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Die Autoimporteure wollen den Abgas-Betrug aussitzen

Der VCS, die Stiftung für Konsumentenschutz, die Krebsliga, die Ärzte für Umweltschutz und die Lungenliga haben bei den Auto-Importeuren nachgefragt, welche konkreten Folgen der Diesel-Betrug hat. Die Antworten sind ernüchternd. Lediglich ein Drittel der Importeure hat auf das Schreiben geantwortet – und sich dabei erst noch in beschwichtigende Floskeln geflüchtet.

Der Dieselskandal bei VW ist nur die Spitze eines schmutzigen Eisbergs: Nahezu alle Autokonzerne tricksen sich in unverschämter Weise an den gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen vorbei und manipulieren mit Abschaltvorrichtungen die Abgasreinigung in ihren Dieselfahrzeugen. Diesem illegalen und undurchsichtigen Treiben will der VCS Verkehrs-Club der Schweiz einen Riegel schieben und fordert zusammen mit der Krebsliga, der Stiftung für Konsumentenschutz, der Lungenliga und den Ärzten für Umweltschutz Informationen von den Schweizer Autoimporteuren zu den von ihnen verkauften Autos.
Ein Drittel der Autoimporteure hat auf dieses Schreiben reagiert. Alle behaupten, dass ihre Fahrzeuge die gesetzlichen Bestimmungen einhalten. Den Einsatz von Abschalteinrichtungen bestätigten sie nicht, streiten es aber auch nicht ab. Damit sind sie gut beraten, denn der Betrug ist bewiesen. Ein weiteres Mal konnten wir uns davon gestern Abend in der Sendung «Rundschau» überzeugen. Die teilweise massiven Überschreitungen des Stickoxid-Grenzwerts im Realbetrieb werden als Abweichungen aufgrund des realitätsfernen Zulassungs-Zyklus bezeichnet. Ignoriert wird dabei, dass gemäss geltendem Recht die Hersteller sicherstellen müssen, das die Abgasemissionen «während der gesamten normalen Lebensdauer eines Fahrzeugs bei normalen Nutzungsbedingungen […] wirkungsvoll begrenzt werden.» (Verordnung EG Nr. 715/2007).
Das Beispiel von Opel zeigt, dass die Autohersteller durchaus in der Lage sind, saubere Dieselautos zu bauen. Nachdem der Hersteller insbesondere in Deutschland stark unter Druck gesetzt wurde, die Betrügereien endlich zu unterlassen, wurde das Modell Astra im Sommer 2016 überarbeitet. Wie uns Opel Schweiz in ihrer Antwort zusichert, funktioniert die Abgasreinigung nun zwischen -8 und +50 Grad und auch bei höheren Geschwindigkeiten. Diese Aussage wird auch durch kürzlich publizierte, unabhängige Messungen der Deutschen Umwelthilfe bestätigt. Opel ist die löbliche Ausnahme. Alle andern Autoimporteure flüchten sich in Allgemeinplätze.

Bund muss handeln
Die Schreiben lassen nur einen Schluss zu: Die Autoimporteure sind nicht gewillt, Transparenz zu schaffen, geschweige denn, Fahrzeuge mit mangelhafter Abgasreinigung aus dem Sortiment zu nehmen. Umso mehr ist der Bund gefordert. Angesichts der massiven Grenzwertüberschreitungen vieler Dieselautos besteht dringender Handlungsbedarf.
Das Bundesamt für Strassen Astra sollte bei Verdacht auf Grenzwertüberschreitungen die betroffenen Modelle eingehend prüfen und gegebenenfalls den Verkauf dieser Modelle stoppen. Dazu sind im Parlament bereits zwei Vorstösse von Evi Allemann (Motion 16.3832 sowie Interpellation 16.4146) hängig sowie einer von Karl Vogler (Interpellation 16.4107).

 

Abgasreinigung fast nie in Betrieb
Die aktuell für die Typengenehmigungen geltenden Abgasmessungen entsprechen nicht den realen Fahrbedingungen. Dies entbindet die Hersteller nicht von ihrer Pflicht, die Grenzwerte auch im Betrieb auf der Strasse einzuhalten. Gemäss der oben zitierten europäischen Regelung, welche– die die Schweiz im Zusammenhang mit den Bilateralen Verträgen übernommen hat, muss die Anlage zur Abgasreinigung im normalen Gebrauch des Fahrzeugs funktionieren. Das gilt gerade auch für tiefe Aussentemperaturen. Abschalteinrichtungen, welche die Wirksamkeit der Systeme zur Abgasreinigung reduzieren, sind ausdrücklich verboten.

 

In verschiedenen Fahrsituationen, die in den massgebenden Abgasmessungen nicht berücksichtigt werden, pflegen die Autobauer jedoch die Leistung der Abgasreinigung zu reduzieren oder ganz abzuschalten:
•    unterhalb einer bestimmten Temperatur (z. B. unter 17 Grad)
•    oberhalb einer bestimmten Temperatur (z. B. 30 Grad)
•    22 Minuten nach Beginn der Fahrt (also genau 2 Minuten, nachdem der gesetzlich vorgeschriebene 20-minütige Messzyklus vorbei ist!)
•    bei einer Motordrehzahl von über 2400 Umdrehungen pro Minute
•    ab einer Höhe von 850 m. ü. M.
•    oberhalb einer bestimmten Geschwindigkeit von 145 km/h
Kurzum: Die Abgasreinigung ist in vielen alltäglichen Fahrsituationen ausser Betrieb.

 

Verheerende Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt
Dies hat gravierende Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in der Schweiz, sind doch Dieselfahrzeuge die Hauptverursacher für die hohen Stickstoff-Konzentrationen in der Luft. Dieselabgase und die daran enthaltenen feinen Staube bergen ein hohes Krebsrisiko und wirken sich auf vielen Seiten negativ auf unsere Gesundheit aus. Nur ein schockierende Beispiel: Die europäische Umweltagentur geht in einer Studie davon aus, dass allein im Jahr 2012 in der Schweiz fast 1000 Menschen durch Stickoxid-Belastung vorzeitig ums Leben gekommen sind.

Weitere Auskünfte
Deutsch:
Evi Allemann, VCS Präsidentin, 079 560 72 94
Martin Winder, Fachspezialist Klima und Verkehr, 031 328 58 63